In der französischen Stadt Calais, am Ärmelkanal, halten sich derzeit einige Hundert „Sans Papiers“ auf, Menschen ohne gültigen Pass. Sie versuchen nach England zu gelangen, wo sie auf bessere Lebensbedingungen hoffen, als die, vor denen sie aus ihren Heimatländern geflohen sind. Die englische und die französische Regierung bezeichnen diese Bewegung als „illegal“ und schaffen es nicht, sie unter Kontrolle zu bringen. Die Migrant_innen versuchen mit LKWs auf die Fähre oder in den Zug, der durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal fährt, zu gelangen. Doch die Grenze zwischen Frankreich und England ist extrem streng bewacht. Die meisten von ihnen werden von der Polizei entdeckt, vor allem bei den verschiedenen Kontrollposten, wo geprüft wird, ob sich jemand im Inneren des Laderaums versteckt. Deshalb halten sich viele der Migrant_innen monatelang in Calais auf, leben dort unter härtesten Bedingungen und lassen sich jede Nacht aufs Neue auf dieses riskante Unterfangen ein. Während ihrer Zeit in Calais leben sie in halbabgerissenen leerstehenden Häusern oder in so genannten Jungles, das sind im Unterholz errichtete „Hüttendörfer“ aus Paletten und Plastikplanen. Die Polizei versucht die Migrant*innen möglichst oft zu verhaften, zerstört ihre Zelte, Schlafsäcke und persönlichen Besitz. Oft verletzen sich Migrant*innen beim Wegrennen vor der Polizei oder durch ihr gewalttätiges Vorgehen.

CRS – Compagnies Républicaines de Sécurité – Sicherheitskompanien der Republik Die CRS ist eine Aufstandsbekämpfungseinheit der französischen Police Nationale. Die populäre Umbenennung “Compagnie de Répression Syndicale” (Kompanie zur Gewerkschaftsunterdrückung) zeigt das zwiespältige Verhältniss Vieler zu der, für ihre Gewalteskapaden bekannte Polizei.
In Calais ist die CRS seit 2002, zur Verstärkung der PAF, präsent. Ihre Hauptaufgabe besteht in Verhaftungen von Sans-Papiers sowie Razzien an ihren Wohnorten. Die Einheiten vor Ort werden alle paar Wochen abgelöst. So ist es durchaus bemerkbar, dass PolizistInnen am Anfang der Zeit in Calais, voller Tatendrang stecken, sich jedoch oft verfahren.

Dublin II-Verordnung Dieses Abkommen regelt, welcher EU-Staat für die Durchführung eines Asylverfahrens zuständig ist. Als Faustregel für die Festlegung der Zuständigkeit gilt, dass dasjenige Land für die Durchführung des Asylverfahrens zuständig ist, welches den Sans-Papiers zuerst hereingelassen und per Fingerabdruck erfasst hat oder dafür verantwortlich ist, dass der Sans-Papiers einreisen konnte, sei es durch durchlässige Grenzen oder durch Visa-Vergabe. Um dies zu registrieren, wird versucht, den Sans-Papiers auf ihrer Reise die Fingerabdrücke abzunehmen und in die europäische Datenbank EURODAC einzuspeisen. Wird ein Asylantrag in einem anderen als dem erstbetretenen EU-Staat gestellt, kann der Antragsteller in diesen so genannten Dublinstaat „überführt“ – also abgeschoben – werden.

EURODAC Das EURODAC-System ist im Wesentlichen eine Computerdatenbank, die zur Speicherung von Fingerabdrücken von Asylsuchenden und DrittausländerInnen dient. Dort werden unter Anderem die Fingerabdrücke gespeichert, die Sans-Papiers bei einer Festnahme in Europa abgenommen werden. Zugriff auf diese Datenbank haben alle 27 EU-Mitgliedstaaten sowie Norwegen, die Schweiz und Island, welche alle Unterzeichnerstaaten der Verordnung sind.

Jungle Jungle ist eine Eigenbezeichnung der Sans-Papiers für klandestine improvisierte Ansammlungen von Verschlägen aus Plastikplanen, Brettern und Zelten. Er ist aus dem persischen Wort für Wald (Jangal) abgeleitet. Aufgrund von Mangel an gebotenen Wohnalternativen versuchen die Sans-Papiers so, im Unterholz versteckt, geschützt vor dem Wetter, unterkommen zu können. Vor allem größere Jungles werden allerdings schnell von der Polizei entdeckt und sind dann der Polizeirepression schutzlos ausgesetzt. In der Regel werden die Jungle nach der größten ethnischen Gruppe, die sie bewohnen, benannt.

NoBorder-Netzwerk Das NoBorder-Netzwerk ist ein basisdemokratisch agierender Zusammenschluss von unterschiedlichen Gruppen, die antirassistisch aktiv sind. In vielen Teilen der Welt gibt es Gruppen, die sich diesem Netzwerk zugehörig fühlen. Sie fordern Bewegungsfreiheit für alle, arbeiten mit der Vision einer Welt ohne Grenzen und verpflichten sich einer hierarchiefreien Gruppenstruktur. Jährlich finden an besonders zentralen Orten des Migrationsgeschehens so genannte NoBorder-Camps statt, mit denen versucht wird, Öffentlichkeit auf die Geschehnisse zu lenken, lokale emanzipatorische Strukturen zu stärken, sowie die internationale Vernetzung voranzutreiben. 2009 fand ein solches Camp in Calais statt.

PAF – Police Aux Frontières – Grenzpolizei Die französische Grenzschutzpolizei ist in Calais und der Region Nord-Pas-de Calais nicht nur an der unmittelbaren Grenze aktiv, sondern auch an den Parkplätzen entlang den Autobahnen, sowie an anderen Orten, an denen sich Sans-Papiers aufhalten. Sie ist maßgeblich an Festnahmen von Sans-Papiers, sowie der Zerstörung ihrer improvisierten Unterkünfte beteiligt.

PASS-Klinik – Permanence d’Accès aux Soins de Santé – Zugang zum Bereitschaftsdienst des Gesundheitswesens Die PASS-Klinik ist eine staatliche Einrichtung, die in vielen französischen Städten existiert. Sie soll bedürftigen Menschen, also neben Sans-Papiers hauptsächlich Obdachlosen, eine kostenlose gesundheitliche Grundversorgung bereitstellen. In Calais wurde die PASS-Klinik auf Drängen von Médicines du Monde und Médicines Sans Frontières im Dezember 2006 eröffnet.

Präfekt/Präfektur Das Oberhaupt eines Départements (Verwaltungseinheit) ist der Präfekt. Er hat weitreichende Polizeibefugnisse, ist ausführendes Organ des Staates und ist zur absoluten Loyalität mit der Regierung verpflichtet. Außerdem stellen Sans-Papiers ihren Asylantrag bei der Präfektur.

SALAM – „Soutenons, aidons, luttons, agissons pour les migrants et les pays en difficulté“ – “Wir unterstützen, helfen, kämpfen, werden aktiv für die MigrantInnen und die Länder in schwierigen Situationen” Humanitäre Hilfsorganisation, die in Calais seit der Schließung des Auffanglagers in Sangatte das damals entstandene Loch in der Mindestversorgung stopft. Siehe: associationsalam.org

Sangatte In Sangatte, einem Vorort von Calais, wurde ein großes, offenes Auffanglager für Sans-Papiers vom Roten Kreuz betrieben. Es existierte von 1999 bis Dezember 2002, wo es geschlossen wurde. Im November zuvor kündigte der damalige Innenminister Sarkozy an, das Lager schließen zu wollen, um dem „Migrantenproblem“ ein Ende zu bereiten. Ein weiterer Grund war die permanente Überbelegung des Lagers.

Schengener Abkommen Dieser Vertrag regelt die Abschaffung der Kontrollen an den Grenzen zwischen den teilnehmenden Staaten. Im Gegensatz zu den meisten der EU-Staaten, ist Großbritannien diesem Vertrag nur eingeschränkt beigetreten und arbeitet so zwar polizeilich und justiziell mit ihnen zusammen, behält sich aber weiterhin das Recht vor, Grenzkontrollen durchzuführen.