Archiv für Oktober 2013

Natacha Bouchart und Facebook

25. Oktober 2013
Natacha Bouchart, die Bürgermeisterin von Calais veröffentlicht auf Facebook eine Emailadresse, an die sich Bürger_Innen wenden können, sollte ihnen das Besetzen von Häusern ein Dorn im Auge sein

Es ist eine Facebook-Nachricht, die Natacha Bouchert am Mittwoch, den 23. Oktober, veröffentlicht. Eine Art wie sich die Bürgermeisterin (Mitglied der Partei UMP) den Bürgern und Bürgerinnen von Calais zeigt. Sie fordert die Menschen auf, darüber Auskunft zu geben, sollten sie Migranten dabei beobachten, wenn diese ein Haus besetzen und/oder anscheinend in einem der Häuser der Stadt leben.

“Ich spreche jeden Bürger an, der bezüglich der vielen migrantischen Hausbesetzungen besorgt ist. Die Situation ist kompliziert, deshalb tun wir das Maximum für Sie. Zögern Sie nicht uns eine Email an die folgende Adresse zu schicken:

securitesquatcalais@gmail.com

Die Polizei ist in der Lage einzugreifen und durch ein spezielles Verfahren ist es möglich innerhalb von 48 Stunden Instruktionen geltend zu machen und den Platz zu räumen.“

Natacha Bouchart ist überzeugt, dass es bei dieser Nachricht um die Herstellung von Sicherheit geht: “Wir hatten Dramas, wir hatten sogar einen Mord in einem besetzten Haus. Wir möchten nicht, dass sich die Squats etablieren und wir so menschliche Dramas verhindern. Es gibt große Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppen. Sie kämpfen. Es werden mehr Morde geschehen. Es gibt Kämpfe zwischen den Migranten, Migranten, die töten oder sich überall in der Stadt Schlägereien mit 50 Leuten liefern”

Sie fügt hinzu, dass diese Art von Denunzierung legal ist, seit Juli 2012. „Das ist das selbe Verfahren wie wenn jemand in ein Haus einbricht.“

http://nord-pas-de-calais.france3.fr/2013/10/24/la-maire-de-calais-poste-sur-facebook-une-adresse-e-mail-pour-denoncer-les-migrants-squatteurs-345089.html

Selbst die einfachste Unterkunft wird zerstört

Artikel aus der Zeit von Chris Grodotzki

In Calais stranden Flüchtlinge, die von Frankreich nach England wollen. Eine beispiellose Vertreibungskampagne sorgt jedoch dafür, dass die Flüchtlingszahlen sinken.
Vor Lampedusa kentert ein Flüchtlingsboot nach dem anderen. In Hamburg kontrolliert die Polizei Menschen, die wie Afrikaner aussehen, um die herauszufiltern, die illegal von ebendieser Insel nach Deutschland kamen. Vor dem Brandenburger Tor protestieren 29 Asylbewerber im trockenen Hungerstreik. Die Auswüchse der prekären europäischen Einwanderungspolitik manifestieren sich an vielen Orten. Im nordfranzösischen Calais ungewöhnlicherweise durch einen Rückgang der Flüchtlingszahlen.

Dabei ist Calais, an der engsten Stelle des Ärmelkanals gelegen, seit jeher der Dreh- und Angelpunkt des Personenverkehrs zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien. Die Stadt zieht deshalb neben Touristen, Truckern und Geschäftsreisenden auch diejenigen an, die keine Einreisegenehmigung bekommen. Tausende „illegaler“ Migranten, Geflüchtete aus aller Welt, haben in den vergangenen Jahren versucht, von Calais weiter nach Großbritannien zu gelangen.

Viele von ihnen sind wegen der kolonialen Vergangenheit, familiärer Bande oder schlicht wegen ihrer Sprachkenntnisse mit England verbunden. Deshalb versuchen sie, auf oftmals waghalsigen Wegen über den Kanal zu kommen. Aber diese letzten 34 Kilometer der oft jahrelangen Odyssee werden oft zur unüberbrückbaren Hürde. Denn die Seegrenze Calais-Dover ist wohl der bestbewachte Grenzübergang innerhalb der Europäischen Union. Mit Hunden, Herzschlagdetektoren, LKW-Röntgengeräten und Atemluftscannern machen Grenzschützer auf beiden Seiten des Ärmelkanals Jagd auf die blinden Passagiere. Im ersten Halbjahr 2009 wurden beispielsweise allein bei LKW-Kontrollen mehr als 14.000 Menschen festgenommen, die den Kanal ohne Papiere überqueren wollten.
Mehr Menschen aus Zentralafrika und Syrien

Zum Brennpunkt der undokumentierten Migration in Europa wurde Calais erstmals in den 1990er Jahren, als Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien in die Hafenstadt strömten. Seitdem ist die Community der sogenannten Transit-Migranten in ständiger Bewegung, sowohl was ihre Größe als auch ihre Zusammensetzung betrifft: Nach den Kosovaren kamen die Afghanen, dann die Sudanesen, Eritreer, Lybier und Iraner. Mittlerweile wird der Anteil der Menschen aus Zentralafrika und Syrien immer größer.

Im Jahr 2002 wurde das Auffanglager des Roten Kreuzes in Sangatte geschlossen. Das Camp, das für 200 Menschen ausgelegt war, musste zeitweise für mehr als 1.800 herhalten. Die Schließung war vor allem eine Folge der „Tolérance zéro“-Agenda des damaligen französischen Innenministers Nikolas Sarkozy. Außerdem machte Großbritannien Druck. London und Paris einigten sich schließlich: Frankreich schließt die Notunterkunft und im Gegenzug, „wird Britannien aufhören, so attraktiv zu sein“, wie sich der damalige Innenminister David Blunkett ausdrückte. Das britische Asylgesetz wurde verschärft.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-10/calais-fluechtlingslager-vertreibung

Wenn Zensur zur Regel wird …

Seit einigen Monaten arbeiten neben Freiwilligen Migranten gemeinschaftlich mit der Organisation „Maison Pour Tous“ (MPT) – Ein Haus für alle – an der Organisation eines interkulturellen Festivals mit dem Namen „A l’uni son, united people festival“ zusammen. Ursprünglich war es vom 14. bis 20. Oktober geplant.
Eine Ausstellung mit sechs Künstlern war geplant, ein „Cabaret du peuple“, ein Kabarett bezüglich der Migration in Calais und zwei Konzertabende mit mehr als 10 Bands.
Die Idee hinter dem Festival war es, eine Verbindung zwischen den Menschen aus verschiedenen Kulturen, welche in Calais leben, herzustellen, die Flüchtlinge zu unterstützen und für dieses Thema zu sensibilisieren.

Am Freitag, den 11. Oktober, ein paar Tage vor der Eröffnung, schickte die Bürgermeisterin von Calais an die MPT einen Brief, in dem sie ihre äußerste Ablehnung gegenüber dem Festival kundtat.
Ihrer Meinung nach würde dieses Ereignis nichtmit dem übereinstimmen, was sie und die MPT im Vertrag unterzeichnet hätten. Abgesehen davon behauptet die Bürgermeisterin Natacha Bouchart, dass das Festival ein Untermietvertrag sei und sie nicht rechzeitig informiert wurde.
DesWeiterein sei das Festival eine politische und linke Veranstaltung, welche nicht zum unterzeichnetetn Vertrag mit der MPT passt, da diese lediglich kulturelle Veranstaltungen ausüben dürfen.
Die Bürgermeisterin drohte damit, den Vertrag mit der MPT aufzulösen und setzte die Organisation damit unter enormen Druck.

So verbietet die Bürgermeisterin also jenes Festival, welches von Anfang an extra in einem neutralen Rahmen organisiert wurde, um ein breiteres Bewusstsein unter den Besuchern schaffen zu können.
Die Bürgermeisterin will uns in zwei Hälften teilen, sie versucht eine Kluft herzustellen, indem sie die Bevölkerung erschreckt und den politischen Parteien Angst macht, Wählerstimmen zu verlieren.
Mit einer solchen Handlung leiden einmal mehr die Flüchtlinge, welche wieder einmal ins soziale Abseits gedrängt werden.
Abgesehen davon wird es auch für Hilfsorganisationen in Calais schwieriger, sich mit Flüchtlingen an öffentlichen Orten zu treffen oder eine soziale Veranstaltung zu organisieren.
Es ist unmöglich geworden, einen Raum zur Verfügung gestellt zu bekommen und unmöglich, sich in jenem zu treffen.

Egal, welche Umstände es sind, sobald Flüchtlinge involviert sind, legt die Stadt Calais ein Veto ein und verhindert den Ausdruck der Solidarität auf Kosten der Menschenrechte.

Wir verurteilen diesen Machtmissbrauch und hoffen, dass diese kommunale Zensur nicht ohne Reaktion seitens anderer Hilfsorganisationen und Verbände bleiben wird.

Im französischen Originaltext wird dazu aufgerufen, sich nicht manipulieren zu lassen in den kommenden Kommunalwahlen (Frühjahr nächsten Jahres stehen die Wahlen an).

Wir rufen zu einem friedlichen Protest am Samstag, den 19.10.2013 um 14 Uhr auf.
Wir werden uns symbolisch mit einem Schal knebeln.

Menschen aus Syrien blockieren Zugang zur Fähre im Hafen in Calais

Eine große Gruppe von Menschen aus Syrien blockiert derzeit eine Zufahrt zur Fähre im Hafen von Calais um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und eine Aufnahme in Großbritannien zu fordern.
Lest ihr Communique und verbreitet die Nachricht – unterstützende Aktionen an Britischen Botschaften und Konsulaten sind ausdrücklich erwünscht!

* Wir sind Menschen aus Syrien, hier in Calais *

Wir sind nun hier zwischen einem und zwei Monate. Die französische Regierung und die Polizei behandeln uns sehr schlecht und kümmern sich nicht um uns. Sie haben uns aus unserem Haus geworfen und auf die Straße gesetzt. Jedesmal, wenn wir einen Ort zum bleiben finden, kommt die Polizei und verhaftet uns, zerstört unser Hab und Gut und schließt den Ort.

Es gibt in Calais keinen Ort an dem wir sichere Unterkunft finden können, wir sind hier nur aus einem Grund und der ist Asyl in England zu bekommen. Viele von uns haben Familie und Freunde in England, welche wir
sehen möchten und die Möglichkeit haben möchten mit ihnen zu leben. Außerdem gibt es dort eine starke syrische Community, mehr als in Frankreich.

Wir demonstrieren nun im Hafen von Calais, wir werden nicht gehen, bis sie uns nach England lassen. Wir fordern ,dass eine Person von der britischen „home office“ zu uns kommt und mit uns spricht und sich unsere Situation anschaut. Wir haben das Recht Asyl in England zu beantragen, aber wie sollten wir dorthin kommen? Es gibt keinen legalen
Überweg.

Wir sind ca. 65 Menschen aus Syrien, die im Moment, im Hafen sind, mit unseren Familien, alten Frauen, Müttern, Kindern, der jüngste ist 3 Jahre alt, und hier sind 50 Polizeikräfte.

Wir haben das Recht ein friedvolles Leben zu leben, doch leider haben wir Krieg in Syrien.
Wir brauchen schnelle Hilfe. Wir suchten Sicherheit und Schutz in Europa, aber wir konnten es noch nicht finden und hoffen es in England finden zu könnne.

Unterstützt die Protestierenden indem ihr die Infos verbreitet und Aktionen an Britischen Auslandsvertretungen durchführt!

Britische Botschaften:

Berlin

Wilhelmstrasse 70
10117 Berlin
Téléphone local: (030) 204.570
international: +49.30.204.570
https://www.gov.uk/government/world/germany

Vienna

Jauresgasse 12
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