Archiv für September 2012

27.09.2012 – eine Räumung nach der anderen

Seit zwei Tagen ist in Calais die Hölle los: Die Polizei räumt alle Plätze der Sans-Papiers und läßt sie auch nicht mehr zurückkommen. Es regnet ununterbrochen und die Sans-Papiers wissen nicht, wo sie unterkommen können.

Es werden dringend Decken und Zelte in Calais benötigt!

Am 25. September wurden die Menschen, die in der Essensausgabe geschlafen hatten um 6 Uhr morgens von der Polizei rausgeschmissen, in den Regen. Ungefähr 50 Personen wurden verhaftet. Die Schlafsäcke und Decken, welche erst zwei Tage vorher von Médécins du Monde ausgeteilt worden waren, wurden weggeschmissen. Die meisten Verhafteten wurden im Laufe des Tages wieder freigelassen, aber einige sind immer noch im Abschiebeknast.

Abends nach der Essensausgaben wurden neue Decken ausgeteilt. Danach wurde gemeinsam entschieden, gegen die Räumung am Morgen mit einer Straßenblockade zu protestieren. Um die Hundert Personen standen und saßen auf der Straße und blockierten den Verkehr, der zum Hafen führt. Mit Hilfe von Plastikplanen wurden auf die Schnelle Zelte auf der Straße aufgestellt. Auf Karton wurden Slogans wie „Wo sind unsere Menschenrechte?“ und „Wir sind nicht kriminell“ geschrieben. Die Atmosphäre während der Blockade glich einer Party. Es wurde getanzt und gesungen. Es war viel Polizei anwesend – Police Nationale, Police aux Frontières, BAC – doch sie standen nur da und beobachteten das Geschehen über Stunden hinweg aus der Ferne. Dann begann ein Gewitter mit sehr starkem Regen, doch auch der konnte die Menschen nicht von der Straße vertreiben. Erst als es komplett dunkel war, verteilten sich die Sans-Papiers auf der Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht.

Am Morgen des 26.09. kam die Polizei erneut um 6:30 morgens mit einem riesigen Aufgebot. Sie räumten das gesamte Gelände in und um die Essensausgabe und nahmen alle Sans-Papiers fest. Die Schlafenden wurden dadurch aufgeweckt, dass die Zeltplanen über ihren Köpfen aufgeschnitten wurden. Es war ein sehr kalter Morgen und die Polizist*innen schienen sich darüber zu amüsieren, so viele zitternde, in Decken gewickelte Menschen vor sich zu haben.

Am Morgen des 27.09. besuchte die Polizeit das eritreische Squat (besetzte Haus), in dem 16 Menschen leben. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie das Haus mitsamt all ihren Sachen verlassen sollten, weil das Haus bald geschlossen werden soll. Somit wird auch hier eine Räumung in den nächsten Tagen erwartet.
Bei dem Versuch, einen Schlafplatz auf dem Gelände der Essensausgabe zu finden, trafen in der letzten Nacht alle auf Polizei, die auf dem gegenüberliegenden Parkplatz wartete. Viele Sans-Papiers konnten keinen Schlafplatz finden und liefen die ganze Nacht im Regen herum.

Im Moment befinden sich vier Kinder unter 10 Jahren in Calais auf der Straße. In den letzten Tagen wurden 16 Minderjährige verhaftet. Ein Minderjähriger befindet sich immernoch auf der Polizeistation, weil die Polizei nicht glauben möchte, dass er unter 18 ist. Der Abschiebeknast in Coquelle ist im Moment sehr voll. Bis zu fünf Personen teilen sich ein Zimmer. Die Inhaftieren klagen weiterhin über schlechte Bedingungen, schlechtes Essen und rassistisches Verhalten der Polizei.

Calais scheint momentan wie ein schlechter Witz – konstanter Regen und alltägliche Räumungen machen die Tage sehr lang und ungemütlich! Die Menschen wissen nicht wohin, nirgends ist es sicher, nirgends ist es trocken. Alle sind müde.

21.09.: Bericht von aktueller Situation

Schlafplätze in der Essensausgabe

Da es seit der Räumung des Africa Houses keine leerstehenden Häuser mehr gibt, in denen Sans-Papiers unterkommen können, schlafen die meisten von ihnen, mehrere Hundert Personen, immer noch auf und in der Nähe des Geländes der Essensausgabe. Die wenigen Plätze unter den Dächern sind schon längst vergeben, so dass nun auch Zelte aufgestellt werden und andere Menschen ohne Zelte, in Decken gewickelt, auf dem nackten Zementboden schlafen müssen. Jeden Morgen um 7 Uhr kommen ein oder zwei Autos der Grenzpolizei (PAF), um die Sans-Papiers durchzuzählen. Am Morgen des 20.09. allerdings kamen weit mehr Grenzpolizist_innen gemeinsam mit Einheiten der Bereitschaftspolizei (CRS) auf das Gelände der Essensausgabe. Anderhalbstunden lang sprachen sie zu jeder einzelnen Person und notierten deren Namen, Nationalität und Alter, jedoch ging all dies ohne Verhaftungen vor sich (was für Calais eine Seltenheit darstellt).

In letzter Zeit hat sich die Polizei besonders auf die Verfolgung von „Schlepper_innen“ festgefahren. Viele Personen wurden zu Haftstrafen verurteilt, obwohl sie eigentlich nur an der Überquerung des Ärmelkanals interessiert waren. CalaisMigrantSolidarity besucht die Gerichtsverhandlungen regelmässig.

Am 21.09. führte Médécins du Monde (Ärzte der Welt) eine Aufräumaktion auf dem Gelände der Essensausgabe durch, welches durch die permanente Nutzung von Hunderten von Menschen sehr verschmutzt war. Danach wurden Schlafsäcke an alle verteilt. Die Aktion wurde von Beamt_innen der Grenzpolizei beobachtet.

Schlafplätze gegenüber der Essensausgabe

Im Moment ist die Situation in Calais nicht gut. Mehr und mehr Sans-Papiers kommen nach Calais ohne, dass es einen Ort gibt, an dem sie schlafen können, und ohne Decken. Oft geht der Essensausgabe das Essen aus, bevor alle etwas bekommen haben. Die Menschen sind müde, hungrig und mit den kälter werdenden Tagen, werden viele von ihnen krank. Im Moment sind auffällig viele Sans-Papiers verletzt. Es ist schon fast an der Tagesordnung, gebrochene Arme oder Beine oder verbundene Hände und Finger zu sehen.

Aber es gibt auch aufmunternde Momente. Musik, Tanzen, auf dem Feuer kochen, Fahrräder werden gemeinsam repariert, Sprachen werden beigebracht, Schachspiel, Kartenspiele, Bücher lesen, ein gemeinsamer Tee, DIY-Haarschnitte…

Gebraucht werden im Moment besonders: Zelte, Plastikplanen, Schlafsäcke, Werkzeug (besonders Fahrradwerkzeug und Fahrradmaterialien), Kameras, Handy-Aufladegeräte, Spiele…

Und falls ihr freie Zeit habt, würden wir uns sehr freuen, euch hier zu sehen! Es gibt so viel zu tun!

neues Abkommen für Salam und die Räumung Africa-House

14. September 2012
Ein kleines Update der letzten Wochen:
Die Initiative die das Essen ausgibt ist aus der Sommerpause zurück gekehrt, sodass die regelmäßigen Mahlzeiten in Salam wieder angefangen haben, mit der Ausnahme, dass es keine Frühstücksvergabe mehr gibt.

Vor zwei Wochen hat der Bürgermeister von Calais die Polizei gebeten das Gelände „Salam“zu räumen und die Menschen, die dort schlafen zu vertreiben. (Derzeit schlafen circa 50 Menschen auf dem Gelände „Salam“ und 30-40 Menschen auf den umliegenden Flächen, wie auf den Wiesen auf der anderen Straßenseite). So kam die Polizei am Dienstagnacht letzte Woche und hat die Menschen von ihren Schlafplätzen vertrieben. Die Schlafplätze wurden jedoch nicht weggebracht, sodass die Menschen, nachdem die Polizei weg war, wieder zurückgezogen sind.
Bei einem Town-Hall-meeting bat der Bürgermeister die Polizei mit Nachdruck nochmal die Schlafstätten zu räumen, weiterhin sollte die Essen-initiative ein Abkommen unterschreiben, welches noborder verbietet sich auf dem Salamgelände aufzuhalten, sowie besagt, dass wenn Menschen im Salam schlafen, kein Essen ausgegeben wird. Wird das Abkommen nicht unterschrieben, bzw. sich nicht daran gehalten, wird die Essensausgabe gänzlich verboten.

Vorgestern (am 13ten September) hat die Polizei das „Africa House“, indem ungefähr 30- 40 Menschen geschlafen haben, morgens um 8 Uhr geräumt,. Es wurde niemand festgenommen, doch hat die Polizei den Menschen nicht erlaubt ihre persönlichen Dinge mitzunehmen, auch die Schlafstätten wurde abgebaut und zur Müllkippe gefahren. Zum Glück konnte ein großer Teil nun von dort wieder geholt werden.
Viele der Menschen, die im „Africa House“ geschlafen haben waren nun gezwungen auf dem Salamgelände einen Platz zu finden. Unter Dächern gibt jedoch keinen Platz mehr, sodass viele Menschen keinen Schutz vor den derzeitig häufig starken Regenfällen finden.