Archiv für Februar 2012

Coquelle

In Coquelle, zehn Kilometer außerhalb von Calais, gibt es eine große Polizeistation. Dorthin werden die MigrantInnen gebracht, wenn sie aus welchen Gründen auch immer verhaftet werden. Entweder werden sie bis zu 24 Stunden auf der Polizeistation festgehalten und müssen nach ihrer Freilassung zurück in die Stadt laufen. Diejenigen, die länger als 24 Stunden festgehalten werden, kommen in den Abschiebeknast und werden dort in der Regel bis zu zwei Wochen eingesperrt, während denen versucht wird, ihre Abschiebung durchzuführen.
Im Moment ist der Abschiebeknast so überfüllt, dass Gefangene auf den Gängen schlafen müssen, da kein Platz mehr in den Schlafräumen ist. Pro Gefängnisblock gibt es nur eine Dusche. Außerdem werden die Kleider nur einmal wöchentlich gewaschen. Auch die Ernährung dort ist sehr mangelhaft. Die viel zu kleinen Mahlzeiten sind kaum nahrreich, kaum abwechslungsreich und enthalten zudem oft Schweinefleisch, welches Muslime nicht essen. Der dort arbeitende Arzt ist ganz und gar nicht hilfreich und spricht kein Englisch.

Ende Januar/Anfang Februar

Diese Zusammenfassung der letzten Ereignisse in Calais beginnt mit der freudigen Nachricht des verschwundenen Stacheldrahtzaunes an der Essensausgabe. Normalerweise ist der Platz der Essensausgabe von Stacheldraht umgeben, was diesem Ort, der dreimal täglich von mehreren Dutzend MigrantInnen aufgesucht wird, etwas sehr gefängnishaftes verleiht. Doch am Morgen des 24. Januar wurde bei der Ausgabe des Frühstücks festgestellt, dass der Stacheldraht entfernt worden war und zudem eine Parole an die Wand geschrieben wurde: ‭ „‬Tear down the fences,‭ ‬Tear down the walls,‭ ‬Tear down the borders,‭ ‬Tear down the barbwire“ – „Nieder mit den Zäunen, Nieder mit den Mauern, Nieder mit den Grenzen, Nieder mit dem Stacheldraht“ Schon im letzten Winter war der Stacheldraht in einer nächtlichen Aktion von Unbekannten entfernt worden, woraufhin SALAM einen Teil des Geldes, das die Stadt für die Winterunterkunft (BCMO) bereitgestellt hatte, für die Erneuerung der Gefängnisatmosphäre verwendet hatte.
Das BCMO ist eine leer stehende Turnhalle, in der MigrantInnen bei Temperaturen unter -5 Grad die Nacht verbringen können. In diesem Winter wurde sie erst am 30. Januar geöffnet, obwohl schon die Wochen vorher eisig kalt und regnerisch waren. Die Halle ist nur nachts geöffnet und wird schon morgens um sieben Uhr geschlossen. Die letzten Jahre wurde das BCMO von SALAM verwaltet. Dieses Jahr jedoch ist der „Conseil des Migrants“ verantwortlich, ein städtischer Rat dem neben der Stadt selbst, verschiedene Hilfsorganisationen zugehören. Eine weitere Neuerung ist die Bewachung der MigrantInnen und der Halle durch eine private Sicherheitsfirma. Viele der MigrantInnen wagen es nicht im BCMO zu übernachten, da die Polizei teilweise nachts oder morgens kommt, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist und die MigrantInnen zu zählen. Das Risiko verhaftet zu werden bleibt omnipräsent.
Die größte von Sans-Papiers genutzte Unterkunft in Calais ist das Africa House, welches seit Jahren immer wieder umziehen muss, da die Gebäude von der Stadt abgerissen werden. Im Moment dienen alte Universitätsgebäude als Africa House, doch auch sie sind nun akut von Räumung bedroht. Am 6. Februar wurde eine gerichtliche Erlaubnis für den Abriss der Gebäude am Gebäude vorgefunden. Daraufhin fand am 15. Februar eine Demonstration vor den Gebäuden der Firma, OPH, statt, die die Gebäude besitzt. Mit viel Lärm, Töpfen, Pfeifen und Megaphons, verliehen über 30 DemonstrantInnen der Forderung Nachdruck, das Africa House nicht räumen zu lassen. Bei einem Gespräch mit dem Direktor von OPH bestätigte dieser den bevorstehenden Abriss der Gebäude. Besonders zu den jetzigen Temperaturen, bedeutet der Abriss des Africa Houses nicht nur, dass Dutzende von Menschen auf die Straße gesetzt werden, zudem sind sie dann noch mehr dem winterlichen Klima ausgesetzt, dem einfache Decken nicht viel entgegensetzen können. Das schon seit Jahren gespielte Spiel der Stadt Calais des Abreissens von Häusern in denen MigrantInnen wohnen, damit diese dann in ein weiteres leerstehendes Haus einziehen, welches nach einigen Monaten wieder abgerissen wird und so weiter, geht eindeutig auf Kosten der MigrantInnen und muss ein Ende haben!

Nachtrag zum 11. Januar 2012

Hier ein kurzer Nachtrag zur Verurteilung der vier Festgenommenen aus dem „Palestine House“. Sie wurden am 18.01.2012 zu jeweils sechs Monaten Haft verurteilt. Drei von ihnen wurden wegen unterschiedlicher Kombinationen von Beleidigung, Widerstand und illegalem Aufenthalt in Frankreich zu dieser Haftstrafe verurteilt. Der vierten Person wird vorgeworfen, sie hätte Steine auf PolizistInnen geworfen. Alle vier haben die gleiche Strafe erhalten, obwohl die Vorwürfe und ihre Schweregrade variieren.