Archiv für Januar 2012

11.Januar 2012

Frühmorgens, gegen 6:30, stürmen 23 PolizeibeamtInnen in das Palestine House, eine halbabgerissene Fabrik, die seit mehr als zwei Jahren hauptsächlich von arabischsprachigen Sans-Papiers bewohnt wird. Die PolizistInnen wecken die schlafenden NutzerInnen des Hauses und sagen, sie suchen eine bestimmte Person (im Folgenden bezeichnen wir ihn als X). X gibt sich zu erkennen, woraufhin seine Papiere und die der restlichen Anwesenden kontrolliert werden. Da X krank ist, fordert er auf die Toilette gehen zu können. Die Polizei verweigert ihm jedoch dieses dringende Bedürfnis. Nach einer Weile, springt X, weder mit Schuhen noch einer Hose bekleidet, vom ersten Stock auf einen Müllhaufen, der sich im Innenhof des Gebäudes befindet. Dort erledigt er sein Geschäft. Zwei PolizeibeamtInnen drängen ihn daraufhin in die Ecke, prügeln mit Schlagstöcken auf ihn ein und schlagen seinen Kopf gegen die Wand. Darauf reagierend, fangen einige der anderen BewohnerInnen des Palestine House an, die PolizistInnen im Innenhof mit Steinen zu bewerfen. Unter dem Steinehagel treten die PolizeibeamtInnen den Rückzug an. Wieder allein, legen sich die BewohnerInnen des Hauses wieder in ihre Betten, um noch ein bisschen Schlaf abzubekommen. Doch um 9 Uhr kommen 40 PolizistInnen in Kampfausrüstung und verhaften alle 22 anwesenden Sans-Papiers. In der Polizeistation werden diesen Fotos von Bürgern aus Calais gezeigt und gefragt, ob sie sie kennen. Gegen 21Uhr Abends werden alle bis auf 4 Sans-Papiers, unter ihnen X, freigelassen. X wurde von der Polizei wegen seiner Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, jedoch waren den BeamtInnen die Wartezeiten zu lang, so dass sie entschieden den Verletzten nicht behandeln zu lassen.
Am 18.1. wurden die vier in einem Gerichtsprozess zu sechs Monaten Haft verurteilt. Weitere Informationen zu der Anklage und der Verurteilung folgen.

Anfang Januar 2012

Gleich zu Beginn des neuen Jahres hat die Polizei früh Morgens eine Razzia in den leerstehenden Universitätsgebäuden durchgeführt, welche sich von Sans-Papiers angeeignet wurden und nun als neues Afrika-House dienen.
Während einige der Sans-Papiers der Polizei entkommen konnten, wurden die, die noch schliefen von der Polizei umstellt und ihre Papiere kontrolliert. Ungefähr acht von ihnen wurden daraufhin verhaftet, um einige Stunden später wieder freigelassen zu werden. Auch die anwesenden NoBorder-AktivistInnen wurden von den PolizeibeamtInnen umstellt, wobei sie von den Sans-Papiers getrennt festgehalten wurden. Fünf von ihnen weigerten sich aus Solidarität mit den Sans-Papiers ihre Pässe vorzuzeigen. Sie wurden daraufhin auch verhaftet und zur Gewahrsam nach Coquelle mitgenommen. Dort wurden sie 24 Stunden festgehalten, während denen sie sich weiterhin weigerten ihre Identität offen zu legen. Ein Höhepunkt davon waren die Lügen, Drohungen und Kommentare die den AktivistInnen von den PolizeibeamtInnen aufgetischt wurden. So wurde ihnen beispielsweise von juristisch versierten PolizeibeamtInnen damit gedroht, dass sie eine dreimonatige Haftstrafe in einem Gefängnis für „Kriminelle und Mörder“ absitzen müssten, wenn sie ihre Identität nicht preis gäben…

Eine erfreulichere Nachricht sind die aktuellen Entwicklung bezüglich des Zusammenlebens im Afrikahaus. Nachdem über den Jahreswechsel eine mobile Küche aus Cambridge für abwechslungsreiche Gerichte gesorgt hatte, zeigen sich die Bewohnenden des Afrikahaus zunehmend motiviert selbst zu kochen, anstatt von den monotonen Speisen der Hilfsorganisationen abhängig zu sein und unter den Blicken der Polizei bei der öffentlichen Essensausgabe zu speisen. Bei einem Treffen haben die Sans-Papiers im Afrikahaus entschieden, mehrmals wöchentlich gemeinsam zu kochen. Hierfür werden übriggebliebene Zutaten von der mobilen Küche aus Cambridge und auf dem lokalen Märkten eingesammeltes Gemüse, dass nicht mehr verkauft werden kann, genutzt.
Das erste gemeinsam gekochte Essen fand in einer angenehmen Atmosphäre statt, was auch daran liegen mag, dass die Initiative für das gemeinsame Kochen aus verschiedenen Communities kam.

Ausserdem ging in den letzten Tagen von AktivistInnen die Initiative aus, das Afrikahaus zu putzen und wohnlicher einzurichten. Obwohl viele der Sans-Papiers der Meinung sind, dass es keinen Sinn macht das Gebäude zu putzen, da die Polizei jeden Moment wieder kommen kann um alles wieder unordentlich zu machen, haben sich doch einige von ihnen beteiligt.
Verständlicherweise herrscht bei vielen Sans-Papiers eine Haltung des Wartens vor. Sie sind nicht gekommen um in Calais zu bleiben, sondern viel mehr, um so schnell wie möglich von dort aus weiter reisen zu können. Daher sehen viele auch keinen Grund sich sonderlich wohnlich einzurichten.

Reges Interesse besteht jedoch immer noch am sprachlichen Austausch. So geht der Englisch-, Französisch-, Arabisch- und Schwedischunterricht weiter, die Fahrradwerkstatt läuft auf Hochtouren, es wird gekocht, und es werden weitere Wohnräume erschlossen – und natürlich wird immer wieder versucht ein wickliches Leben in Europa zu finden. An einem selbstgewählten Ort.